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>> Abb. 1: Basel Theodorskirchplatz. Schädel eines 30- bis 45-jährigen anonymen Mannes mit drappierter Tonpfeife. ( (c)2005 Naturhistorisches Museum Basel – Foto Simon Kramis)

Text: Simon Kramis, Basel (2006)



Am 29. Oktober 1618 bestieg Sir Walter Raleigh das Schafott. Seine Tonpfeife aber behielt der englische Freibeuter und Koloniegründer von Virginia als letzten Willen bis zu seiner Hinrichtung im Mund.

Das Tonpfeifenrauchen war neben dem Tabakschnupfen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die am weitesten verbreitete Art, Tabak zu konsumieren. Die Sitte des Rauchens erreichte Europa, ausgehend von der Neuen Welt, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gelangte die neue Mode schliesslich von England über die Niederlande nach Deutschland. Die erste Pfeifenmanufaktur in den Niederlanden wurde 1617 in Gouda gegründet. Nur wenige Jahre später wurden Pfeifen auch in Deutschland hergestellt. In der Schweiz stammen die bislang frühesten Funde importierter Pfeifen vom Basler Münsterhügel und datieren um 1650.

>>Abb. 2: Fersenpfeife aus Baselland. ((c)1988 Schmaedecke)

Archäologisch erschließt sich das Phänomen des Tabakrauchens in erster Linie durch Funde von Tonpfeifen. Daneben können Ausgrabungen auch Tabakdosen oder in Glücksfällen sogar erhaltene Tabakblätter in die Gegenwart zurückbefördern. Schriftliche und bildliche Quellen liefern wichtige Aspekte und Ergänzungen zum historischen Hintergrund. Aber nur die Skelette damaliger Pfeifenraucher liefern gleichermassen als biohistorische Urkunden direkteste und persönlichste Hinweise auf das Rauchen in längst vergangener Zeit.

>>Abb. 3: Spitalfriedhof St. Johann. Gebiss eines 48-jährigen Maurers mit Usur und Zahnlücke. ((c) 2005 Naturhistorisches Museum Basel – Foto Simon Kramis)

Vom Schmauchen und Schleifen

Bei den hier vorgestellten Skelettfunden handelt es sich in allen Fällen um männliche Individuen aus zwei neuzeitlichen Friedhöfen des Kantons Basel-Stadt. Ihre Überreste lagern heute im Magazin der anthropologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Basel. Der Friedhof auf dem Theodorskirchplatz liegt im rechtsrheinischen Kleinbasel und wurde zwischen 1780 und 1832 benutzt. Beim anderen Friedhof, St. Johann, handelt es sich dagegen um einen Spitalfriedhof in Grossbasel, auf dem zwischen 1845 und 1868 verstorbene Patienten bestattet worden sind. Das Besondere: Die meisten Verstorbenen sind heute mittels überlieferter Spitalarchivakten mit Namen, Herkunft, Sterbealter, Beruf und Todesursache identifiziert.

Vom Theodorskirchplatz konnten unter insgesamt 24 Bestattungen nur 2 Raucher nachgewiesen werden. Der Spitalfriedhof mit rund 480 hinreichend erhaltenen Skeletten ergab bei einer ersten Durchsicht bislang 5 Fälle von Tonpfeifenrauchern.
Die untersuchten Gebisse weisen pro Individuum eine oder zwei sogenannte Pfeifenusuren (siehe Kasten) auf. Diese Abrasionserscheinungen sind makroskopisch von Auge erkennbar und betreffen in der Regel als eingeschliffene, ovale bis kreisrunde Löcher je zwei benachbarte Zähne im Ober- und Unterkiefer. Solche Schleifkanäle resultieren aus dem chronischen Gebrauch von Tonpfeifen.

INFOBOX
Abrasion [Abrasio dentis] ist der permanente Verlust von Schmelz und Dentin durch Abnutzung mittels einem körperfremden Gegenstand. Usur [Mehrzahl: Usura, Usuren; engl.: degeneration, erosion] ist eine spezielle Form von Abrasion im Sinne eines Substanzverlustes, meist an den Schneidekanten durch "üble Angewohnheiten".


Dabei bewirkt die raue Oberfläche des Mundstückes eine konkave Abrasion an der Kaufläche der betroffenen Zähne. Pfeifenusuren können dabei unterschiedlich stark ausgeprägt sein, was mit Rauchgewohnheiten, dem Durchmesser des Mundstücks oder auch der Tonqualität der verwendeten Pfeife zusammenhängen kann.Daneben dokumentieren bei entsprechender Erhaltung auch Teerauflagerungen in Form brauner Verfärbungen vor allem des Zahnsteins einen Kontakt der Zähne mit Tabakrauch.

>>Abb. 4: Spitalfriedhof St. Johann. Gebiss eines 37-jährigen Fabrikarbeiters mit Usur und Verfärbungen. ((c)2005 Naturhistorisches Museum Basel – Foto Simon Kramis)

Wie kann ein fragiler Gegenstand wie eine Tonpfeife die härteste Substanz des menschlichen Organismus, den Zahnschmelz bezwingen? Die Antwort ist einfach, es gibt noch härtere Materialien als den Zahnschmelz.
Zahnschmelz (auch Adamantin) besteht beinahe ausschliesslich aus Hydroxyl-Apathit, einer kalziumhaltigen Mineralstoff-Verbindung, wodurch er härter als Stahl ist. Das darunterliegende Dentin ist weicher als Zahnschmelz aber immer noch härter als Knochengewebe.
Dagegen besteht der weiss brennende Pfeifenton aus einer Mischung aus Aluminium-Silikat und sogenannten natürlichen Tonmineralien oder absichtlich beigemischten Magerungsbestandteilen. Diese erhöhen die Feuerfestigkeit der Pfeife und können beispielsweise aus Quarz bestehen.

>>Abb. 5: Basel Theodorskirchplatz. Die Zähne haben sich der Pfeife exakt angepasst. ((c)2005 Naturhistorisches Museum Basel – Foto Simon Kramis)

In der Zahntechnik wird zur Härtemessung von Materialien normalerweise der Vickers-Härtetest angewendet. Beim Vickerstest wird ein kleiner Diamant in Form einer Pyramide mit einer genau bestimmten Kraft in die Materialoberfläche gedrückt. Daraufhin wird der im Material hinterlassene Eindruck vermessen. In weicheren Materialien entstehen größere Eindrücke, in härteren Materialien kleinere. In dieser Skala weist Zahnschmelz Werte zwischen 300 und 400 Vickers auf. Quarz dagegen weist Härten von über 700 Vickers auf. Diese Zahlen sind nicht als absolut zu betrachten, da die Zusammensetzung des Pfeifentons variieren und sich die Härte der Beimischungen mit dem Brennvorgang verändern kann. In diesem Zusammenhang überrascht es daher nicht, dass archäologische Funde von Tonpfeifen ihrerseits oftmals Knabberspuren an den Stielenden aufweisen.

>>Abb. 6: Mundstück einer Tonpfeife mit Knabberspuren. ((c)1988 Schmaedecke)

Aus Schriftquellen ist bekannt, dass es mitunter nicht ungewöhnlich war, mehr oder weniger den ganzen Tag an seiner Tonpfeife zu schmauchen. Die Hände des Handwerkers beispielsweise blieben dabei zum Arbeiten frei, denn Tonpfeifen konnten aufgrund ihres geringen Gewichts allein mittels der Zähne im Mund gehalten werden. Hinzu kommt, dass Tonpfeifen aufgrund ihrer Materialeigenschaft leicht zu Bruch gingen und ersetzt werden mussten. War lediglich der Stiel betroffen, konnte die solchermassen verkürzte Pfeife weiterverwendet werden. Pfeifen mit solchen sekundären Mundstücken nannte man „brûle-gueule“. Beide Fälle hatten zur Folge, dass die Oberfläche des neuen Mundstückes wiederum entsprechend rau und abrasiv für die betroffenen Zähne war.



Zwei zusammenpassende Stücke - Eine Befindlichkeitsfrage

Wie muss sich das Rauchen mit einer solchermassen an die eigenen Zähne angepassten Tonpfeife angefühlt haben?
Grundsätzlich verursachten solche Abrasionen keine Schmerzen, da dem Zahn Möglichkeiten einer zumindest partiellen Regeneration zur Verfügung stehen. Dabei können Verluste des Zahnschmelzes mit der Ausbildung sogenannt sekundären Dentins (dem unter dem Schmelz liegenden Zahnbein) in der Pulpa (Hohlraum in Innern des Zahnes) ausgeglichen werden. Dennoch konnten eine erhöhte Zahnempfindlichkeit, Infektionsgefahr und damit ein Zahnverlust Folgen des Tabakgenusses sein.

>>Abb. 7: Schematischer Schnitt durch einen Backenzahn. Links normaler Zustand, rechts mit Abrasion und neugebildetem Sekundärdentin (Kasten). ((c)1983 Brothwell)

In diesem Zusammenhang sind Gebisse mit mehreren Schleifkanälen von Interesse. Bei einem 30- bis 45-jährigen Mann beispielsweise implizieren unterschiedliche Ausprägungen der beiden Pfeifenusuren entweder die Angewohnheit, die Pfeife überwiegend seitlich und seltener vorne im Mund zu halten oder aber eben einen schmerzbedingten Wechsel auf weiter vorne gelegene Zähne.

>>Abb. 8: Basel Theodorskirchplatz. Gebiss eines 30- bis 45-jährigen Mannes mit zwei Usuren. ((c)2005 Naturhistorisches Museum Basel – Foto Simon Kramis)

Heutige Pfeifenraucher bleiben von solchen Konsequenzen weitgehend verschont. Die Mundstücke gegenwärtig verwendeter Pfeifen bestehen aus weicheren Materialien aber auch der Zahnschmelz ist heute aufgrund von Prophylaxe und Ernährung wesentlich härter geworden. Mit dem Rückgang von Zahnstein bzw. dessen regelmässigen Entfernung sind Zahnverfärbungen zwar immer noch bekannt, aber zumindest schwächer ausgeprägt.

Naturgemäss ist das Phänomen der Pfeifenusur geographisch ebenso weitverbreitet wie das Rauchen von Tonpfeifen selbst. Sogar aus einer Walfängerstation des 17. Jahrhunderts auf der Insel Ytre Norskoye im Spitzbergen-Archipel sind entsprechende Fälle bekannt. Dabei weist die Mehrheit aller Skelette durch Pfeifen verursachte Abrasionen auf. Mit 7 Schleifkanälen hat einer der ehemaligen Walfänger sein Gebiss bezüglich des Rauchens vermutlich vollends ausgeschöpft.
Grossen Einfluss auf die schnelle Verbreitung von Tabak hatte das Militär. Englische Soldaten, die von Königin Elisabeth I. zur Unterstützung der niederländischen Protestanten entsandt wurden, brachten die neue Sitte mit. Insbesondere der Dreissigjährige Krieg (1618-1648) leistete einen entscheidenden Beitrag an der Verbreitung in weiten Teilen Europas. An das Ende dieses Krieges datiert ein jungslawischen Grab in der Gemeinde Hohendorf, Kreis Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern), in dem sich ein 20- bis 30-jähriger Mann zusammen mit dessen Tonpfeife fand. Der Friedhof Berlin-Spandau wurde zwischen 1688 und 1796 belegt und erbrachte unter 211 Bestattungen 11 Nachweise von Männern mit Pfeifenusuren. Unter anderen wurden dort auch Soldaten bestattet.Das Pfeifenrauchen damals nicht nur Männersache war, zeigen die Gebisse von weiblichen Häftlingen aus einem zwischen 1748 bis ins 20. Jahrhundert hinein genutzten Gefängnisfriedhofs aus Oslo. Schrift- und Bildquellen unterstreichen jedoch, dass rauchende Frauen bis in das 19. Jahrhundert hinein eine durchaus übliche Erscheinung – wenn auch vermutlich weniger in der Öffentlichkeit - waren.

Die Sauferei eines Nebels

Der Konsum von Tabak unterlag in Europa seit seinem Aufkommen stets heftigen Diskursen wie kein anderes exotisches Genussmittel. So betonten etliche Ärzte seine heilsame Wirkung gegen unzählige Leiden. Andere Zeitgenossen hingegen sahen im „Tabaktrincken“ ein wüstes Laster. Im Jahre 1627 konstatierte der kurpfälzische Gesandte am Königshof von Rusdorff: "Ich kann nicht umhin, mit einigen Worten jene neue, erstaunliche und vor wenigen Jahren aus Amerika nach unserem Europa eingeführte Mode zu tadeln, welche man die Sauferei eines Nebels nennen kann, die alle alte und neue Trinkleidenschaft übertrifft. Wüste Menschen pflegen nämlich den Rauch von einer Pflanze, die sie Nicotiana oder Tabak nennen, mit unglaublicher Begierde und unauslöschlichem Eifer zu trinken und einzuschlürfen." Dennoch stieg der Tabakkonsum in allen Bevölkerungsschichten stetig an.

Im 17. Jahrhundert mehrten sich dann die Rauchverbote. So verfasste König James I. seine berühmt gewordene Streitschrift gegen den Tabak „Misocapnus sive de abusu Tobacci lusus regius“ (Der Rauchgegner oder ein königliches Scherzstück über den Missbrauch des Tabaks) 1604 in London. Neben weiteren kontinentaleuropäischen Herrschern fiel der Tabak auch bei asiatischen oder osmanischen Königen in Ungnade. In allen diesen Verboten schwang neben einer reinen Brandschutzverordnung (glühende Kohlenstücke wurden mittels Feuerzange an die Pfeife gehalten) auch der Glauben vor einer Gefährdung der Gesundheit und der Moral der Bevölkerung mit. Auch aus Basel ist bekannt, dass der Rat ab 1660 wiederholt Prohibitionen gegen das Tabaktrincken ausgesprochen hat.

Auch heute hat das Rauchen nichts von seiner Brisanz verloren. Im Gegenteil, die Diskussion um Rauchverbote ist aktueller denn je. Ausgehend vom Ursprungsland der Rauchens, dessen Gesetzgebung zuweilen erstaunliche Blüten treibt, besinnt sich nun auch Europa wieder zurück auf Rauchverbote in der Öffentlichkeit. Geschichte ist eben eine endlose Wiederholung.

Da lehnt man sich am besten zurück und zündet sich erst einmal eine gute Pfeife an!
Anschrift des Autors:

Matthäusstrasse 17
4057 Basel
simon.kramis@stud.unibas.ch